Selbstmitgefühl

 

Selbstmitgefühl bedeutet, uns selbst ein guter Freund zu sein – auch und gerade in schwierigen Zeiten

Es klingt so einfach und trotzdem so fremd für viele von uns. In unserer leistungsorientierten Welt lernen wir sehr vieles, wir haben jedoch keine Tradition in der Kultivierung von Mitgefühl mit uns selbst, wenn wir selbst Kummer oder Probleme haben. Dabei wäre gerade eine selbstfreundliche und mitfühlende Haltung uns selbst gegenüber das Entscheidende, wenn wir vom Stress des täglichen Lebens erschöpft oder sogar in einer Krise sind – meint eine der führenden Trauma-Expertinnen im deutschsprachigen Raum, Prof. Dr. med. Luise Reddemann.

Wie viele Fragen des Schnell-Checks haben Sie mit Ja beantworten können? Diese Fragen verdeutlichen, in welchen Situationen das Fehlen von Selbstmitgefühl erkennbar ist.

Wie gehen Sie mit sich selbst um, wenn Sie Probleme haben, etwas in Ihrem Leben schief geht oder etwas Unangenehmes passiert? Die meisten von uns reagieren automatisch verärgert und geben sich vielleicht selbst die Schuld, wenn etwas misslingt. Oder wir versuchen das Problem zu ignorieren und lenken uns ab mit allen möglichen Aktivitäten, die unsere Gesundheit schaden. Unsere Gedanken kreisen um Belastungen und Probleme herum und wir merken nicht einmal, dass wir uns mit Gedanken wie z.B: „Anderen wäre dies nicht passiert!“  innerlich weiter herunterziehen und uns dadurch nur noch schlechter, einsamer, minderwertiger und ausgelieferter fühlen.

Die Pionierin auf dem Gebiet des Selbstmitgefühls, Kristin Neff erforscht, wie Menschen mit sich selbst umgehen und wie sich diese Haltung auf ihre Gesundheit auswirkt. Die US-Psychologin und Mitentwicklerin des MSC Programms bringt dieses Verhalten auf den Punkt: „Leider gibt es kaum jemanden, den wir so verurteilen und so schlecht behandeln wie uns selbst“. Wir selbst sind meist unsere strengsten Kritiker.

Die Gegenfrage verdeutlicht dies weiter: Würden Sie in der gleichen schwierigen Situation genauso hart und verurteilend mit Ihrem besten Freund, Partner oder Kind umgeben? Eher nicht, würden Sie jetzt antworten. Im Gegenteil, oft sind wir sogar selbstaufopfernd für andere da, wenn sie unsere Unterstützung benötigen. Studien zeigen, dass ungefähr 75 Prozent der Bevölkerung in den entwickelten Ländern mitfühlender mit anderen als mit sich selbst umgehen.

Wir behandeln uns unter anderem deshalb so schlecht, weil wir uns davor fürchten, den Erwartungen der Gesellschaft nicht gerecht zu werden. Wir vergleichen uns ständig mit anderen Menschen, weil wir uns nicht „gut genug“ fühlen. Dann setzen wir uns selbst unter Druck mit unrealistischen Ideen und Erwartungen, im Irrglauben, auf diese Weise glücklich zu werden. Je stärker wir uns jedoch unter Druck setzten, desto stärker spüren wir unsere Mängel. Somit ist der Teufelskreis unseres inneren Kampfes vorprogrammiert, wobei wir uns in einer permanenten ablehnenden Haltung uns selbst gegenüber befinden. Auf dieser Weise versuchen wir, uns selbst zu optimieren oder sogar zu bekämpfen, um unsere Mängel auszugleichen und somit unseren Anschluss an die Gesellschaft zu sichern.

Wir üben uns wie selbstverständlich in Selbstkritik und Selbstverurteilung und lösen damit im Körper eine chronische Stressreaktion aus. Da der Körper die Stresshormone nicht so schnell abbauen kann, befinden wir uns in einem Daueralarmzustand, und dies schadet langfristig unserer Gesundheit. Die Folgen sind Herz- Kreislaufstörungen, Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Schlafstörungen, Angststörungen und Depressionen.

Eine der Ursachen für diese selbstkritische Haltung uns selbst gegenüber ist die alte Überlebensstrategie unseres Gehirns. Im Laufe der Evolution wurde unser Gehirn auf das Erkennen von Gefahren programmiert. Wenn wir also mit Gefahren wie Schmerz, Verlust oder Ausgrenzung konfrontiert sind, dann reagieren wir spontan mit Ablehnung (Widerstand), um uns selbst zu schützen. Leider verschlimmert sich der Schmerz, je mehr wir uns dagegen wehren. Unser Gehirn sichert zwar damit unser Überleben, macht uns jedoch weniger empfänglich für die positiven Signale des Lebens um uns herum.

Wenn wir also diesen Teufelskreis durchbrechen möchten, müssen wir lernen, unsere innere Haltung in belastenden Situationen zu beeinflussen. Wir können trainieren den Widerstand gegen die schwierigen Gefühle in uns und die unangenehmen Dingen um uns herum so zu reduzieren, dass es uns leichter fällt, mit ihnen umzugehen.

Und genau hier setzt Selbstmitgefühl an. Es zeigt einen Ausweg aus diesem Teufelskreis und hilft uns, unsere kritische innere Stimme zu besänftigen. Selbstmitgefühl wirkt wie ein Heilmittel und bedeutet, einfach gesagt, sich freundlich, liebevoll und nachsichtig so um sich selbst zu kümmern, wie wir es bei einem geliebten Menschen tun würden. Selbstmitgefühl kann Verluste, Krankheiten oder andere schwierige Umstände zwar nicht außer Kraft setzen, es kann uns jedoch helfen, leichter damit umzugehen und weiteres unnötiges Leid zu vermeiden.

Wir bekämpfen unseren Schmerz nicht, wir dramatisieren ihn nicht, wir lenken uns auch nicht davon ab, sondern begegnen uns inmitten von schwierigen Gefühlen mit Mitgefühl und Wohlwollen. Wir spüren innerlich nach, wie es uns wirklich geht und was uns hier und jetzt gut tun würde. Diese mutige innere Haltung gibt uns Kraft, dem Leben mit all seinen Schwierigkeiten und Herausforderungen gelassener zu begegnen.

Selbstmitgefühl hilft uns, selbst und anderen achtsam und respektvoll zu begegnen. So können wir uns selbst und anderen leichter vergeben und uns schließlich auch mit unseren Schwächen versöhnen. Auf dieser Weise erholen wir uns auch schneller nach emotionalen Verletzungen und unsere Beziehungen werden harmonischer. Nach und nach hilft die innige Verbindung mit uns selbst, unser volles Potenzial zu entfalten und unser Leben inniger zu genießen.

Da Selbstmitgefühl oft missverstanden wird, hilft es, sich einmal zu vergegenwärtigen, was Selbstmitgefühl nicht ist. Dr. Christopher Germer, US Psychologe und Mitentwickler des MSC Programms fasst es einfach und treffend zusammen:

Selbstmitgefühl ist nicht Selbstmitleid: Wenn wir uns mitfühlend unserem Schmerz zuwenden, dann bedeutet das nicht, in ihm zu schwelgen, sondern sich aus der Verstrickung mit ihm zu lösen. Es ist nicht Selbstsucht, sondern der erste Schritt zu mehr Mitgefühl mit anderen.

Der Dalai Lama sagt:  «Damit jemand im Stande ist, wahrhaft Mitgefühl gegenüber anderen zu entwickeln, benötigt er oder sie zunächst eine Grundlage, auf der Mitgefühl kultiviert werden kann. Diese Grundlage ist die Fähigkeit, mit seinen eigenen Gefühlen verbunden zu sein und für sein eigenes Wohlergehen zu sorgen. (…) Fürsorge für andere setzt Fürsorge für sich selbst voraus.»

Selbstmitgefühl ist nicht selbstgefällig. Vielmehr ist es Willenskraft und guter Wille. Es verlangt Mut. Es ist nicht Schöne-Welt-Spielen. Stattdessen sind wir offener für unseren Schmerz und weichen ihm nicht aus. Es ist nicht anstrengend – denn wir kämpfen weniger, nicht mehr. (…) Und wir sind auch nicht länger vor unseren Erfahrungen auf der Flucht.“

Selbstmitgefühl ist in den letzten Jahren auch zunehmend in den Fokus der Wissenschaft gerückt. Stetig zunehmende Forschungsergebnisse zeigen, dass größeres Selbstmitgefühl mit deutlich mehr emotionalem Wohlbefinden, weniger Angst, Depression und Stress und einem Aufrechterhalten von gesunden Lebensweisen, wie Ernährung und Sport, und zufriedenstellenden Beziehungen einhergeht.

„Selbstmitgefühl, die Fähigkeit sich liebevoll zu behandeln“ ist einfacher, als Sie denken, es ist nur ungewohnt. Machen Sie den ersten Schritt und trauen Sie sich, neue Wege zu gehen!